Hilfsprojekt aktuell

Ein Mikroskop für Rumänien >
< Die Küche für das Kinderkrankenhaus in Temesvar (Rumänien)
Freitag, 25. Juni 2004 17:23 Uhr Alter: 16 yrs
Von: Stefan Kritzer

Der Müll, das Pferdefuhrwerk und der Bauernhof

Verein ...FÜR... unterstützt einen Bauernhof der Caritas in Rumänien


Trostlose Landwirtschaft in Rumänien. Ein Schäfer treibt seine Schafe an einer illegalen Mülldeponie vorbei. Blick aus dem Schweinestall. Für den Verein ...FÜR... gibt es noch viel zu tun in Bakuwa.

Aus der ehemaligen Kolchose in Bakuwa (Rumänien) soll ein Musterbauernhof werden. Der Verein ...FÜR... will helfen. Von links: Eberhard Räder (Bastheim), Konrad Schneider (Bad Bocklet), der Leiter der Caritas in Temesvar Herbert Grün, Michael Diestel (Unsleben) und der Ortsvorsteher aus dem hessischen Silges Arnold Will. (Fotos: Stefan Kritzer)

Wir zwängen uns zu acht in einen alten kleinen VW-Bus. Die Fahrt geht in die Vororte von Temesvar, der drittgrößten Stadt Rumäniens. Unser Fahrer Nelo kennt den Weg. Zwei Tage lang haben wir die Großküche der ehemaligen LVA-Klinik in Neuhaus im Kinderkrankenhaus Temesvar eingebaut. Doch das Engagement des Vereins "Kultur ...FÜR... humanitäre Hilfe" und des Heimat- und Geschichtsvereins Silges für die Region soll noch lange nicht zu  Ende sein. Michael Diestel (Unsleben) und Eberhard Räder (Bastheim) sind auf der Suche nach neuen Projekten.

Nelo bremst abrupt. Die Straße ist von Schlaglöchern übersät. Der kleine Bus fährt Schlangenlinien. Die Landschaft ist schön. Kaum hügelig, ein sattes Grün strahlt von den Feldern, die Bäume sind Ende April schon voll frischem Laub. Einst war das Banat, so heißt diese Region in Rumänien, die Kornkammer Europas. Schon vor 100 Jahren wurde Getreide nach Russland exportiert, Schweinehälften auf Eis nach Paris mit der Eisenbahn verkauft. Daher kam der einstige Reichtum zur Zeit der Blüte Österreich-Ungarns, die bis heute an den Fassaden der Häuser in den Städten sichtbar ist.

Nelo bremst wieder scharf. Diesmal sind es aber keine Schlaglöcher, sondern ein Pferdefuhrwerk, das langsam vor uns her fährt. Kein ungewöhnlicher Anblick im rumänischen Hinterland. Und das im Europa des 21. Jahrhunderts. "Wir sind da", sagt Nelo kurz darauf in seinem gebrochenen Deutsch. Bakuwa, ein kleines Nest irgendwo außerhalb von Temesvar. Einen kleinen Bahnhof gibt es hier, ein Schild und eine Bank wo Züge halten, die man besser nicht dem deutschen TÜV vorstellen sollte. In diesem kleinen verschlafenen Nest wollen wir uns  einen Bauernhof anschauen. Langsam geht die Fahrt einen kaputten Feldweg entlang. Die Einwohner von Bakuwa haben anscheinend keine Möglichkeiten ihren Müll zu entsorgen. Also werfen sie ihn an den Rand des Feldweges. Plastikfolien treibt der Wind über die Felder, hier und da hat sich gärender Müll entzündet und glimmt rauchend vor sich hin. Zwei Männer suchen nach brauchbaren in den Zivilisationsresten. Und, um der ländlichen Idylle endgültig den Todesstoß zu versetzen, treibt ein Schäfer seine Schafe durch diese kleine Mülldeponie.

Wir biegen ein auf den Bauernhof über dem ein Schild mit dem Namen Bakuwa prangt. Herbert Grün wartet schon auf uns. Der sonst so nüchtern dreinschauende Mittvierziger lacht, als wir kommen. Er freut sich, dass Fachleute aus Deutschland Hilfe für dieses Projekt der Caritas in Aussicht stellen. Herbert Grün leitet die Caritas in Temesvar und Umgebung. Auf dem Konferenztisch seines Büros in Temesvar liegen zwei Dutzend Fotoalben mit gegenwärtigen Projekten, die er betreut. Ein Mann, der engagiert mit seinen 180 Mitarbeitern für die Ärmsten der Armen in Rumänien kämpft. Und der auch im Urlaub sein Handy niemals ausschaltet. Vor einigen Jahren hat die Caritas diese ehemalige Kolchose gekauft und ein Haus darauf gebaut. Straßenkinder sollen hier eine Chance erhalten, einen anständigen Beruf zu lernen und ein geregeltes Leben zu leben. Doch noch ist das Zukunftsmusik.

Der Maschinenpark des Bauernhofes wäre in Deutschland samt und sonders reif für den Schrottplatz. In Rumänien funktioniert aber alles noch irgendwie. Michael Diestel und Eberhard Räder finden hier ihr zukünftiges Betätigungsfeld was Hilfsprojekte des Vereins ...FÜR... betrifft. Der Geschäftsführer des Bauernverbands Rhön Grabfeld und der Ökolandwirt wollen aber nicht nur finanzielle Hilfe leisten, sondern Knowhow aus Deutschland nach Rumänien bringen. Denn so wie in Bakuwa der Hof betrieben wird, so lohnt sich das auch in Rumänien nicht. Die Felder bringen nicht genügend Ertrag, die Schweine darben in einem dunklen Stall ohne Stroh auf Betonboden. Scheiben gibt es in den Fenstern des Stalles schon lange nicht mehr und auch die Plastikfolien sind längst zerrissen. Es fehlt allerorten. Wo anfangen? In diesem Sommer muss das Getreide geerntet werden, doch die beiden Mähdrescher, die einst aus Deutschland kamen, sind nicht mehr einsatzfähig. Die Vereinskasse von ...FÜR... reicht glücklicherweise noch aus, einen gebrauchten Mähdrescher der Marke Fortschritt, den in Deutschland niemand mehr haben will, zu kaufen. Für das einstige DDR-Produkt gibt es in Rumänien noch genügend Ersatzteile, dort kann die betagte Maschine noch lange Jahre gute Dienste tun. Doch Diestel und Räder denken schon viel weiter. Und Herbert Grün ist ganz Ohr. "Es müsste doch gelingen, einen deutschen Fachmann für eine bestimmte Zeit hier hin zu schicken, der das ganze Projekt mal in die Gänge bringt", sagt Diestel und denkt an die Gehaltszahlung aus Deutschland. Die Substanz für eine gute Landbewirtschaftung in Bakuwa ist da. Weitere Flächen für Ackerbau sollen hinzu gekauft werden, die Schweine sollen Stroh in den Stall bekommen und irgendwann einmal soll ein vernünftiger Schlepper zum Zugpferd von Bakuwa werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg und es werden noch Jahre vergehen, bis Bakuwa Gewinn aus der Landwirtschaft erwirtschaftet. Gelingt dies jedoch, würde Bakuwa für die Region zum Musterbeispiel. Vielleicht wird dann aus dem Banat wieder eine Kornkammer wenn auch nicht für ganz Europa, so doch wenigstens für Rumänien. So wie vor 100 Jahren. Als im nahen Temesvar prachtvolle Häuser den Reichtum der Region symbolisierten.

Der Erlös der Jazznacht des Vereins ...FÜR... am kommenden Wochenende wird für Projekte in Bakuwa zur Verfügung gestellt. Über Spenden auf das Konto 557 934 bei der Sparkasse Bad Neustadt, Bankleitzahl 793 530 90 freut sich der Verein außerdem.